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Vaishnava Moraltheologie und ihre Anwendung auf den Sachverhalt der Homosexualität
Von Hridayananda das Goswami
übersetzt von Mike Knickmeier
Vor kurzem habe ich empfohlen, dass ISKCON die ernsthaften Anstrengungen aller Devotees anerkennt und wertschätzt, die
a) sich aufrichtig bemühen, Krishna-bewusst zu sein
b) nicht sexuell enthaltsam sein können und somit
c) Monogamie der Promiskuität vorziehen, als eine Strategie zur Sinnenkontrolle und der allmählichen Entsagung.
Weil
meine kurze Stellungnahme zu diesem Thema einige Devotees in Unruhe
versetzte, werde ich hiermit versuchen, meine Position zu dieser
Angelegenheit klarer auszudrücken. Ich möchte folgende These
aufstellen:
Die
Rolle der Sexualität in einer spirituellen Gesellschaft ist
klarerweise eine moralische Angelegenheit, die im größeren
Kontext der Vaishnava-Moralphilosophie verstanden werden muss, wie wir
sie in den autorisierten Vaishnava-Schriften finden. Lord Krishnas
Spiele und Seine eindeutigen Lehren machen klar, dass es im
menschlichen Leben bestimmte, unvermeidbare Spannungen gibt, wie zum
Beispiel
1. die Spannung zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit;
2. die Spannung zwischen konkurrierenden, moralischen Pflichten;
3. die Spannung zwischen dem Idealen und dem Realen;
4. die Spannung zwischen Handlungen und Konsequenzen.
1. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
Wie
in allen Gesellschaften treten auch in der vedischen Kultur moralische
Konflikte auf, welche oft eine Spannung zwischen den moralischen
Prinzipien von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit beinhalten.
Tatsächlich finden wir Beispiele dafür in Lord Krishnas
Spielen, welche oftmals in dem Bemühen resultieren, eine
Brücke zwischen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu schlagen.
Asvathama:
Im ersten Canto des Bhagavatam finden wir ein eindrucksvolles Beispiel
dafür, nämlich als Arjuna den mörderischen Asvatthama
gefangen nimmt und ihn zurück zum Lager der Pandavas bringt. Der
Ablauf der Ereignisse ist wie folgt:
1.7.35 Lord Krishna befiehlt Arjuna, den gefangenen Asvatthama zu töten.
1.7.35-39 Lord Krishna stellt den Sachverhalt dar, weswegen Asvatthama
getötet werden soll und fordert Arjuna erneut auf, dies zu tun.
1.7.40-41 Draupadi bittet um Asvathamas Freilassung
aufgrund des Mitgefühls für dessen Mutter und aus Respekt vor
der Kaste der brahmanas.
1.7.49 Yudhishtira stimmt Draupadi zu.
1.7.50 Nakula, Sahadeva, Yuyudhana, Arjuna, Krishna und alle anwesenden Frauen stimmen Draupadi zu.
1.7.51 Bhima besteht darauf, Asvatthama zu töten.
1.7.53-54 Krishna teilt Arjuna mit, dass Asvatthama getötet und
auch nicht getötet werden solle und weist Arjuna dazu an, es
sowohl Draupadi als auch Bhima recht zu machen.
1.7.55-56 Arjuna schneidet des Gefangenen Haarknoten ab und jagt
diesen, gedemütigt und „gesellschaftlich
getötet“, aus dem Lager.
Wir sollten uns Folgendes über diese Geschichte merken:
a) Die Debatte um Asvathamas Schicksal zentriert sich um dharma, welches eines der Standardworte für Moral ist.
b) Es gab eine Spannung zwischen zwei moralischen Positionen, jede von einem großen Devotee vertreten.
c) Krishna verlangte harte Bestrafung, aber Er änderte Seinen
Standpunkt durch die mitfühlende Bitte Seiner Geweihten Draupadi.
d) Bhima verlangte Gerechtigkeit, Draupadi verlangte
Barmherzigkeit. Schließlich akzeptierte Krishna einen Kompromiss
zwischen Recht und Gnade.
Rukmi
10.54.31 Weil er Rukmini entführte, macht sich Lord Krishna dazu bereit, den angreifenden Rukmi zu töten.
10.54.32-33 Aufgeregt bittet Rukmini Krishna darum, ihren Bruder nicht umzubringen.
10.54.34 Krishna fesselt Rukmi und macht diesen lächerlich, indem Er ihm den Schnurrbart und die Haare abschneidet.
10.54.36-37 Der barmherzige Lord Balarama befreit Rukmi und scheltet
Krishna, Ihm vorwerfend, etwas getan zu haben, das „asadhu“
und „schrecklich für uns“ sei, denn „einen
Verwandten zu entstellen ist wie diesen zu töten.“
10.54.38-50 Balarama predigt zu Krishna und Rukmini.
Diese Geschichte entspricht deutlich der von Asvatthama:
a) Anfangs beabsichtigt Krishna die Erwartungen an Gerechtigkeit durch die Tötung Rukmis zu erfüllen,
ebenso wie Er anfangs Arjuna anwies, Asvatthama zu töten und dessen Kopf Draupadi zu bringen.
b) Die mitfühlende Rukmini erhebt Einspruch gegen dieses
Töten, ebenso wie Draupadi sich gegen Asvathamas Tötung
aussprach.
c) Wie bei Asvatthama wählt Krishna den Mittelweg, indem Er, im übertragenen Sinne, tötet durch Demütigung.
d) Balarama bezieht eine vierte Position zu den ersten dreien, welche
sind 1) Krishnas Entscheidung, Rukmi zu töten; 2) Rukminis Bitte,
ihren Bruder zu verschonen; 3) Krishnas Entscheidung, Rukmi lediglich
in einem übertragenen Sinne zu töten. Balarama weist Krishna
zurecht für diesen Umgang mit einem Verwandten und rügt
anschließend Rukmini für ihre überzogene familiäre
Zuneigung.
e) Wie in der vorangegangenen Geschichte finden wir Krishna
entschlossen, Recht zu sprechen, dann aber gleicht Er Sein Vorhaben an,
nach dem Ersuchen einer Devotee um Mitleid.
In
diesen beiden Geschichten von Asvatthama und Rukmi finden wir durch
Mitgefühl gemäßigte Gerechtigkeit, resultierend in
einem Akt der barmherzigen Rechtsprechung, welche nicht den strengsten
Weisungen des geschriebenen Gesetzes gehorcht.
2. Widersprüchliche moralische Pflichten
Kunti und Pandu
Ein
weiteres Beispiel der Spannungen zwischen widersprüchlichen
moralischen Pflichten finden wir im Mahabharata in einem Gespräch
zwischen Pandu und seiner Frau Kunti.
Verflucht dazu, niemals ein Kind zu zeugen und somit unfähig zu
sein, einen Erben für den Thron der Kurus zu stellen, bittet Pandu
seine ergebene Frau Kunti, ein Kind mit einem Ersatzvater zu zeugen,
einem heiligen brahmana. Selbstverständlich wird Kunti letzten
Endes enthüllen, dass Durvasa sie mit der Kraft segnete,
Halbgötter herbei zurufen, und sie wird daher drei Söhne mit
Dharma, Vayu und Indra zeugen. Vorher allerdings versucht Pandu sie zu
überzeugen, ihm zu gehorchen und ein Kind von einem heiligen
brahmana zu empfangen. Unter anderem führt Pandu folgendes
Argument an:
„Oh, Königstochter, Kenner des dharmas wissen, dass eine
Frau den Weisungen ihres Ehemannes folgen muss, sowohl dann, wenn sein
Gesagtes dem dharma entspricht als auch dann, wenn es nicht dharma
ist.“ [MB 1.113.27]
Jemand mag diesen Vers lesen und schlussfolgern, dass eine Frau immer
ihrem Mann zu gehorchen hat, ob richtig oder falsch, denn das ist, was
Pandu erklärt. Doch schon im nächsten Kapitel, nachdem Kunti
Pandu drei Söhne gebar, fordert Pandu Kunti auf, einen weiteren
Gott zu rufen und einen weiteren Sohn zu zeugen, doch dieses Mal lehnt
Kunti die Bitte ihres Ehemannes rigoros ab und sagt:
„Es empfiehlt sich nicht ein weiteres Kind auf diesem Wege zu
bekommen, selbst nicht in schlechten Zeiten. Mit einem vierten Kinde
wäre ich ein leichtes Mädchen, mit einem fünften ein
Hure.“ [MB 1.114.65]
Pandu hat deutlich klargemacht, dass eine Frau ihrem Manne zu gehorchen
hat, egal ob er Recht oder Unrecht hat. Aber da Kunti eigentlich Recht
hat, akzeptiert Pandu ihr Argument und fügt sich, verzichtend auf
die moralischen Richtlinien, welche er selbst verkündete.
Daraufhin ruft Kunti die Ashvin-Zwillinge für Madri, welche auf
diese Weise Nakula und Sahadeva empfängt. Als aber Pandu einen
weiteren Sohn für Madri verlangt, weist Kunti ihn zurück und
erneut akzeptiert Pandu die Wünsche seiner Gemahlin.
Wir finden dasselbe sich wiederholende dialektische Muster von
sittlichen Ansprüchen und Verpflichtungen: ein entschlossener Mann
beabsichtigt, in einer überzeugten Weise zu handeln, behauptend,
dieses Vorgehen sei angemessen. Eine angesehene Frau beharrt dann auf
ihrem etwas unterschiedlichen Standpunkt, und der Mann richtet sein
Verhalten daran aus.
Die brahmana-Familie von Eka-cakra
Im
Mahabharata, Adi Parva, Kapitel 145-7, finden wir ein anderes
eindrucksvolles Beispiel für moralischen Konflikt. In der Stadt
von Eka-cakra, wo die Pandavas inkognito im Hause eines brahmanas
leben, terrorisiert ein mächtiger raksasa namens Baka die Stadt,
indem er sich die Schwäche und Inkompetenz des herrschenden
Königs der Region zu Nutzen macht. Im Austausch für seinen
Schutz werden die Städter dazu gezwungen, dem Dämon
periodisch eine Wagenladung Lebensmittel und einen Menschen
auszuliefern, ausgewählt der Reihe nach von jeder ansässigen
Familie.
Als die Reihenfolge, den Dämon zu speisen, bei Kuntis
brahmana-Gastgeberfamilie angelangt ist, hört sie dieser bei einem
ungewöhnlichen, tränenreichen Gespräch zu, in welchem
sowohl Ehemann, Gemahlin, Tochter als auch Sohn darauf bestehen, sich
selbst zu opfern, um die Familie zu schützen. Natürlich
tötet Bhima schließlich den Dämonen, doch diese
Begebenheit zeigt klar, dass in vedischer Kultur moralische Konflikte
existierten.
Einerseits muss ein Mann seine Familie beschützen, doch wenn der
Vater sich dem Dämon hingebe, setzte die Gesellschaft der
ungeschützten Familie zu. Die Gattin sah ihre Pflicht ihrem Gatten
gegenüber darin, sich ihrerseits dem Dämon zu opfern. Wie
jedoch könnte ein Mann, welcher schwor, seine Ehefrau zu
beschützen, diese einem Dämon ausliefern. Sogar die Tochter
beabsichtigte, sich dem Dämon zu geben, um ihre Eltern und den
kleinen Bruder zu schützen.
Der springende Punkt hier ist, dass die praktischen Umstände einen
scheinbar unlösbaren, moralischen Konflikt für die gute,
brahmanische, vedische Familie verursachten. Die moralische Pflicht der
Familie war für diese nicht ganz eindeutig und sie konnte sich
nicht einigen, was getan werden sollte, da jede mögliche sittliche
Handlung gegen eine andere moralische Pflicht gleicher Wichtigkeit
verstoßen hätte.
3. Ideal versus Real
Eine
weitere moralische Spannung, welche man in jeder Gesellschaft findet,
entsteht aus der unvermeidbaren Kluft zwischen dem Ideal und der
Realität. Vedische Kultur lehrt die höchsten sittlichen und
spirituellen Prinzipien, doch gleichzeitig begegnet sie der wahren
menschlichen Natur mit bemerkenswerter Offenheit und
Wirklichkeitsnähe. Die religiösen Prinzipien von dharma
funktionieren als moralische Richtlinien in der vedischen Kultur. Und
wenn wir die Anwendung von dharma in Texten wie dem Bhagavatam und dem
Mahabharata studieren, finden wir in der großen Mehrheit der
Fälle, dass dharma genutzt wird, um zwei der leidenschaftlichsten
und somit gefährlichsten menschlichen Aktivitäten zu
regulieren: Sexualität und Gewalt.
Um die vedische Herangehensweise an moralische Themen deutlich zu
verstehen, müssen wir die Art betrachten, in der vedische Kultur
mit Sexualität und Gewalt umgeht. Wie bereits dargelegt, sind es
besonders diese beiden Aktivitäten, welche die sittliche und
spirituelle Ordnung einer Gesellschaft bedrohen, weil sie die wildesten
Leidenschaften im Menschen hervorrufen, die durch dharma –
Sittlichkeit – reguliert werden müssen.
Um die ausgereifte Komplexität der vedischen Vorgehensweise zu
sittlichen Belangen zu veranschaulichen, sollten wir uns den vedischen
Ansatz zur Gewalt am Beispiel der Jagd, und zur Sexualität am
Beispiel der Polygamie näher betrachten. Wir werden zu jedem Punkt
feststellen, dass vedische Kultur ideale, moralische Grundsätze
lehrt, jedoch gleichzeitig die wirkliche, menschliche Natur anerkennt
und individuellen Freiraum für ernsthafte Menschen schafft, welche
den Idealzustand nicht umsetzen können.
Jagd
Das
Jagen von Tieren verletzt eines der gewichtigsten, vedisch-moralischen
Prinzipien: ahimsa, den Unschuldigen kein Leid zuzufügen. Lord
Krishna erwähnt ahimsa vier Mal in der Bhagavad Gita [10.5, 13.8,
16.2, 17.4].
In 13.8 verkündet Krishna, dass ahimsa, zusammen mit anderen
Eigenschaften, Wissen ist und dass alles andere lediglich Nichtwissen
ist. Folglich ist himsa, den Unschuldigen Leid zuzufügen,
Dummheit. Im Vers 18.25 erklärt Krishna, dass Handlungen, welche
ausgeführt werden, ohne das Ergebnis von himsa, den Unschuldigen
zu schaden, in Betracht zu ziehen, Handlungen in der Erscheinungsweise
von Unwissenheit sind. Krishna erklärt auch, dass ein Handelnder
in Leidenschaft himsatmaka ist, was Srila Prabhupada als „immer
neidisch“ übersetzt.
In 16.2 führt Sri Krishna aus, dass ahimsa einer der
göttlichen Eigenschaften ist, mit welchen Arjuna geboren wurde.
Und in Vers 17.4 sagt der Herr, dass ahimsa einer der notwendigen
Bestandteile der körperlichen Entsagung ist. In ähnlicher
Weise lobpreist das Bhagavatam die moralische Qualität von ahimsa:
1.18.22 verkündet, dass Gewaltlosigkeit der natürliche
Zustand der reinen Seele ist. 3.28.4 schreibt vor, dass man ahimsa
praktizieren sollte. 7.11.8 lehrt, dass ahimsa und andere Eigenschaften
paro dharmah ist, das höchste religiöse Prinzip.
Bezeichnender Weise besteht 11.17.21 darauf, dass ahimsa sarva-varnika
ist, für alle varnas. Und in 11.19.33 lehrt Krishna Selbst ahimsa.
Ebenso deklariert das Mahabharata, Vers 1.11.12, ahimsa als das höchste dharma aller lebenden Wesen.
Srila
Prabhupada lehrte häufig, dass ahimsa besonders bedeutet, dass man
keine Tiere töten darf. In seiner Erläuterung zu BG 16.2
schreibt er zum Beispiel:
„Ahimsa bedeutet, das fortschreitende Leben aller Lebewesen nicht
aufzuhalten. Weil der spirituelle Funke nie getötet werden kann,
selbst wenn man den Körper tötet, sollte man nicht denken,
man dürfe deshalb um der Sinnenbefriedigung Willen Tiere
töten. Heutzutage sind die Menschen süchtig danach, Tiere zu
essen, obwohl ihnen ausreichende Mengen an Früchten, Getreide und
Milch zur Verfügung stehen. Es besteht keine Notwendigkeit, Tiere
zu schlachten. Diese Anweisung gilt für jeden. Wenn es keine
andere Möglichkeit gibt, kann man auch ein Tier töten, aber
dann sollte es als Opfer dar gebracht werden. Auf jeden Fall –
besonders dann, wenn der Menschheit genügend Nahrungsmittel zur
Verfügung stehen – sollten diejenigen, die in spiritueller
Erkenntnis Fortschritte machen wollen, den Tieren keine Gewalt antun.
Wirkliche ahimsa bedeutet, das fortschreitende Leben eines Lebewesens
nicht aufzuhalten. Auch Tiere machen evolutionären Fortschritt,
indem sie von einer tierischen Lebensform zur nächsten wandern.
Wenn ein Tier getötet wird, wird dadurch sein Fortschritt
aufgehalten [...] Ihr Fortschritt sollte also nicht unterbrochen
werden, nur weil man seinen Gaumen befriedigen will. Dies wird ahimsa
genannt.“
Ebenso stellt er in seiner Erläuterung zu BG 17.4 heraus:
„Wo Tiere umgebracht werden, gibt es keine Gerechtigkeit. Lord
Buddha wollte das Schlachten vollständig beenden und daher wurde
seine ahimsa-Lehre nicht nur in Indien sondern auch außerhalb des
Landes verkündet.“
Doch trotz dieser zahlreichen und gewichtigen, vedischen Aussagen,
welche ahimsa vorschreiben und himsa verbieten, stellen wir fest, dass
vedische Könige häufig jagten. Prabhupada lehrte, dass es
ksatriyas - Kriegern und Königen, welche für den Schutz der
Bevölkerung verantwortlich waren - gestattet war, auf die Jagd zu
gehen, um ihre Fertigkeiten im Umgang mit den Waffen zu verbessern.
Dennoch war dieses Jagen nicht glücksverheißend, wie Srila
Prabhupada in seinem Kommentar zum Bhagavatam 4.22.13 herausstellt.
Tatsächlich wurde es immer noch als Sünde betrachtet.
Prabhupada schreibt:
„Könige sind [...] in Sinnenbefriedigung vertieft, da sie
manchmal auf der Jagd töten, weil sie sich in der Kunst des
Tötens üben müssen, da es sonst sehr schwierig für
sie ist, ihre Feinde zu bekämpfen. Solche Dinge sind nicht
glücksverheißend. Vier Arten sündhafter Handlungen
– Umgang mit Frauen für unzulässige
Geschlechtsbeziehungen, Fleischgenuss, Berauschung und Glücksspiel
– sind den ksatriyas erlaubt. Aus politischen Gründen
müssen sie sich manchmal diesen sündhaften Tätigkeiten
zuwenden.“
Erinnern wir uns, dass das Bhagavatam [11.17.21]deutlich klarstellt,
dass ahimsa sarva-varnika ist, also von jeder Gesellschaftsschicht
praktiziert werden sollte, einschließlich der ksatriyas.
Tatsächlich zeigt das Bhagavatam, dass selbst Könige nicht
von der sündhaften Reaktion des Tiermordes verschont bleiben.
Daher sagt der große Narada zum König Barhimsa in den Versen
4.25.7-8:
„Oh Regent der Bürger, lieber König, bitte schau in den
Himmel und sieh jene Tiere, die du ohne Mitleid und ohne Erbarmen in
der Opferarena getötet hast.
Alle diese Tiere warten auf deinen Tod, damit sie sich für die
Wunden, die du ihnen zugefügt hast, rächen können.
Nachdem du gestorben bist, werden sie deinen Körper mit eisernen
Hörnern zornig durchbohren.“
Ebenso verkündet das Bhagavatam im Vers 5.26.24, dass Könige,
die der Jagd etwas abgewinnen können, sogar in die Hölle
hinabsteigen, welche als Pranarodha bekannt ist. Prabhupada kommentiert
folgendes:
„Angehörige der höheren Stände sollten Wissen
über das brahman kultivieren, und sie sollten auch den sudras die
Möglichkeit geben, auf diese Ebene zu gelangen. Wenn sie sich
stattdessen die Zeit mit Jagen vertreiben, werden sie bestraft, wie es
im vorliegenden Vers beschrieben wird. Sie werden von den Vertretern
Yamarajas nicht nur mit Pfeilen durchbohrt, sondern dazu noch in den
aus Eiter, Urin und Kot bestehenden Ozean geworfen, der im letzten Vers
beschrieben wurde.“
Wie sollen wir dieses Paradox verstehen? Einerseits könnten
vedische Schriften nicht deutlicher sein in ihrer Lehren zu ahimsa, den
Unschuldigen kein Leid zuzufügen, und ihrer Verurteilung von
himsa, den Unschuldigen Leid zuzufügen. Andererseits scheint es,
als würde Kriegern ein gewisses Zugeständnis zur Jagd gemacht
werden. Jedoch ist dieses Zugeständnis aus verschiedenen
Gründen problematisch:
1. Die shastras lehren, dass selbst Könige für das Töten von Tieren bestraft werden.
2. Das Bhagavatam stellt klar, dass alles sozialen Gruppen,
einschließlich der Kriegerkaste, ahimsa praktizieren müssen.
3. Die vedische Geschichte erteilt die eindrucksvolle Lehre, dass
selbst mächtige vedische Könige tragische Schicksale auf der
Jagd erlitten. Selbst solch hervorragende Könige wie Dasaratha,
Pandu und Pariksit erfuhren Schreckliches während der Jagd. Und
Dhruvas Stiefbruder, Uttama, wurde auf einem Jagdausflug ermordet. Es
kann also kein Zweifel darüber bestehen, dass solche historischen
Ereignisse von der Jagd abraten sollen.
Es
ist daher angemessen zu schlussfolgern, dass vedische Kultur einen
Mittelweg findet zwischen dem Idealen und dem Realen. Das Ideale ist
eindeutig ahimsa. Dennoch ist das Reale, durch die ganze,
aufgezeichnete Geschichte der Welt hindurch, dass Krieger jagen. Und
ebenso finden wir in der gesamten Geschichte, dass Krieger ihre
Jagdaktivitäten nicht nur auf das beschränken, was notwendig
ist, um ihre Fähigkeiten zum Schutz der Menschheit zu verbessern.
Folglich hat sich folgende, moralische Strategie etabliert:
1. Das Ideale wird vorgeschrieben.
2. Das, was dem Idealen schadet, wird verboten.
3. Zugeständnisse werden denjenigen eingeräumt, welche dem Ideal nicht folgen können oder nicht folgen wollen.
4. Jene, welche diese Zugeständnisse akzeptieren, werden –
wie auch immer – innerhalb der Gesellschaft akzeptiert.
5. Die Gefahren und Auswirkungen, welche durch die Annahme dieser Zugeständnisse entstehen, werden deutlich aufgezeigt.
Ich
habe zuvor schon herausgestellt, dass dharma – Moral – sich
besonders auf die zwei gefährlichsten menschlichen Leidenschaften
fokussiert: Sexualität und Gewalt. In seiner Erläuterung zum
Bhagavatam, Vers 4.26.24, welcher beschreibt, wie König Puranjana
auszog, um Tiere zu jagen, stellt Srila Prabhupada einen Bezug her
zwischen Jagd und Lust:
„Eine Form den Jagd ist bekannt als Frauen-Jagd. Eine bedingte
Seele ist niemals zufrieden mit nur einer Frau. Diejenigen, deren Sinne
sehr ungezügelt sind, machen besonders Jagd nach vielen Frauen.
König Puranjana, der auf die Gesellschaft seiner, ihm nach
religiösen Gesichtspunkten anvertrauten Frau verzichtete,
repräsentiert das Bestreben der bedingten Seele, zur
Sinnenbefriedigung Frauen hinterher zu jagen.“
Es gibt eine deutliche Gemeinsamkeit zwischen Jagd und sexueller
Promiskuität, weil beide bestrebt sind, den physischen Körper
einer anderen Seele zu genießen, mit wenig oder gar keiner
Rücksichtnahme auf das äußerste Wohlergehen dieser
anderen Seele. Es ist daher nicht verwunderlich festzustellen, dass die
vedische Einstellung zur sexueller Promiskuität der Einstellung
zur Jagd entspricht.
Lasst
uns kurz einen Blick werfen auf den vedischen Umgang mit der Polygamie,
welche besonders in der Kriegerkaste praktiziert wurde. Das
Sanskritwort sapatni bedeutet „Nebenfrau“. Ein weiteres,
direkt davon abgeleitetes Sanskritwort ist sapatna und bedeutet
„Feind“. Es ist kein Zufall, dass aus dem Wort für
„Nebenfrau“ das Wort für „Rivale, Feind,
Widersacher“ entsteht.
Lord Krishna teilt daher Arjuna in der Bhagavad Gita, Vers 11.34, mit:
„Du wirst Deine Feinde in der Schlacht besiegen.“ Der
Begriff für „Feind“ ist hier sapatna, hergeleitet von
sapatni – „Nebenfrau“.
Ebenso finden wir häufig im Bhagavatam das Wort sapatna mit
„Feind“ übersetzt. Einige Beispiele hierfür
finden wir in den Versen 1.14.9, 3.18.4, 5.1.18, 5.1.19, 5.11.15,
7.2.6, 8.17.10, 10.49.10, 11.1.2 und 11.16.6.
Ähnlich übersetzt Srila Prabhupada den Wortlaut shat-sapatna
- „die sechs Feinde“ (der Geist und die Sinne) - aus dem
Vers 5.1.17 mit „sechs Nebenfrauen“. Und den Begriff
sapatna aus Vers 8.10.6 übersetzt Prabhupada mit
„gewaltätige Feinde“.
Zusätzlich haben wir historische Beweise, dass sogar in den besten
vedischen Familien Polygamie zu ernsthaften Problemen führen kann.
In der Geschichte von Citraketu finden wir in Vers 6.14.42, dass seine
Nebenfrau vor Eifersucht auf dessen Hauptfrau brannte, welche ihm einen
Sohn geboren hatte. Daraufhin ermordete die Nebenfrau in Vers 6.14.43
des Königs einzigen Sohn.
Befürchtend, dass der Sohn der Nebenfrau ihren eigenen Sohn
unterdrücken würde, veranlasst Königin Kaikeyi, gegen
den Wunsch ihres Gatten und auch des gesamten Königreichs, Lord
Rama in den Wald zu verbannen.
Davon abgesehen lehren ganze Heerscharen vedischer Verse das Übel
der Lust und lobpreisen die Tugend der sexuellen Enthaltsamkeit. Aus
diesen Gründen lehnte Prabhupada Polygamie in der ISKCON ab.
Prabhupada lehrte, dass Polygamie das Ungleichgewicht zwischen dem
männlichen und dem weiblichen Bevölkerungsanteil in der
menschlichen Gesellschaft beseitigte, und Könige häufig
polygam waren, selbst wenn das oft zu Problemen führte.
Tatsächlich leitet sich vom Wort für „Nebenfrau“,
sapatni, das Wort sapatna ab, welches heftige Auseinandersetzungen
zwischen Feinden indiziert.
Die Weltgeschichte lehrt, dass vom Anbeginn der Zeit Krieger und
Herrscher danach strebten, viele Frauen zu genießen. Ein
komplettes Verbot der Jagd und der Vielweiberei unter den Herrschenden
würde lediglich zu weit verbreiteter Heuchelei führen, welche
die Autorität der vedischen Schriften und Gesetze ernsthaft
entkräften würde. Um dieses zu vermeiden, lehrt die vedische
Kultur das Ideale und gleicht das Reale, im Rahmen angemessener
Regulierungen, an.
Diese Kulanz beinhaltet häufig die Verbindung ungünstiger
aber unvermeidbarer Aktivitäten zum Wohle der Allgemeinheit. Jagen
ist schlecht, aber es erfüllt einen guten, sozialen Zweck durch
das Training der Könige mit dem Ziele, die Unschuldigen zu
Beschützen, selbst wenn dabei andere, unschuldige Kreaturen
getötet werden. Sexuelle Genusssucht ist schlecht, aber Polygamie
erreicht seine soziale Rechtfertigung durch den Schutz der Frauen,
welche anderenfalls vielleicht keinen Ehepartner finden.
Polygamie
und Jagd sind deutlich verschiedene, moralische Sachverhalte, dennoch
sind sie in gewisser Weise ähnlich: Prabhupada hat die generelle
Beziehung zwischen Jagd und Lust aufgezeigt. Und in beiden Fällen
lehrt die vedische Kultur gleichzeitig die sittlichen und spirituellen
Vorzüge der Zurückhaltung, doch schafft auch unter bestimmten
Bedingungen einen Freiraum, um dann Beispiele zu geben, welche die
Probleme illustrieren, denen man innerhalb dieses zugestandenen
Freiraumes begegnet. Jagd und Polygamie veranschaulichen beide die
Methode, mit welcher die vedische Kultur versucht, die unvermeidbaren
Spannungen zwischen dem Idealen und dem Realen zu handhaben.
Ein weiteres Beispiel für eine realistische Strategie, um mit
menschlichem Sexualverlangen umzugehen, finden wir innerhalb der ISKCON
selbst. In der Bhagavad-Gita, Vers 9.27, lehrt Lord Krishna eindeutig,
dass wir alle Handlungen als Opfer für Ihn ausführen sollen.
Weiterhin erklärt Krishna im Vers 7.11, dass Er in
Sexualität, welche nicht im Widerspruch zu dharma - Moral - steht,
persönlich gegenwärtig ist. Srila Prabhupada hat wiederholt
erklärt, dass Devotees ihr Geschlechtsleben Krishna opfern, um
Krishna-bewusste Kinder zu zeugen. Somit müssen genau genommen
alle eingeweihten Devotees schwören, unzulässige
Sexualität aufzugeben, das bedeutet Sexualität, welche nicht
der Zeugung von Nachkommenschaft dient.
Das ist das Ideale; allerdings ist es nicht das Reale. Die wirkliche
Situation in ISKCON ist, dass viele, viele Haushälter der
einfacheren, weniger idealen Version der Regel folgen: keine
Sexualität außerhalb der Ehe. Ab und zu lehrte Prabhupada
selbst sowohl das Ideale und – für viele – die
„reale“ Version dieser Regel, die Version, welcher sie
wirklich folgen können.
Es kann absolut kein Zweifel darüber bestehen, dass letztendlich
ein Krishna-bewusster Devotee Sexualität, welche nicht der Zeugung
von Nachkommen dient, aufzugeben hat. Und es kann kein Zweifel
darüber bestehen, dass eine große Anzahl an ISKCON
Haushältern nicht fähig ist, sich an diese Weisung zu halten.
Abermals finden wir hier die vedische Kultur, durch das Medium der
ISKCON, den Idealzustand lehrend und den Realzustand anpassend. Die
Hypothese in all diesen Fällen ist, dass Menschen, die auf
irgendeine Art unter dem Schutz der vedischen Kultur verbleiben, sich
schließlich auf die ideale Ebene erheben werden. Auf diese Weise
war die vedische Kultur immer darum bestrebt, ernsthafte Seelen, welche
ihr Bestes geben, um höhere Werte zu erreichen, unter ihrem Obdach
zu bewahren, selbst wenn diese Seelen weit hinter den Idealzustand
zurückgefallen sind.
Ein letztes drastisches Beispiel veranschaulicht diesen Grundsatz:
Im Sri Caitanya Caritamrita, 2-24.230-258, erzählt Narada die
Geschichte von dem Jäger Mrgari, welche sehr klar das
vedisch-moralische Prinzip, das geringere der sittlichen Übel zu
wählen, aufzeigt. Hier ist ein Ausschnitt der Erzählung:
„Daraufhin sagte Narada Muni zu dem Jäger: ‚Ich
möchte dich um etwas bitten.’ [...] ‚Ich bitte dich,
von heute an die Tiere vollständig zu töten und sie nicht
halbtot liegen zu lassen.’
Der Jäger antwortete: ‚Mein lieber Herr, warum bittest du
mich gerade darum? Was ist daran verkehrt, die Tiere halbtot liegen zu
lassen? Würdest du mir dies bitte erklären?’
Narada Muni erwiderte: ‚Wenn du die Tiere halbtot liegen
lässt, fügst du ihnen absichtlich Schmerzen zu. Daher wirst
du als Vergeltung leiden müssen. Mein lieber Jäger, dein
Beruf ist es, Tiere zu töten. Dies ist für dich ein
geringeres Vergehen. Doch wenn du ihnen bewusst unnötige Schmerzen
zufügst, indem du sie halbtot liegen lässt, lädst du
sehr große Sünde auf dich. Jedes Tier, das du getötet
und dem du unnötig Schaden zugefügt hast, wird dich in einem
deiner nächsten Leben ebenfalls töten.’ “ [CC.
2.24.247-251]
Narada stellt hier unverkennbar einen weiteren vedisch-moralischen
Leitgedanken vor: die Gewichtung der Sünden ist relativ und wird
bemessen im Verhältnis zum Status und dem Bewusstsein des
Sündigers. Daher sagt Narada ausdrücklich:
„Du bist ein Jäger, dein Vergehen ist gering, wenn du Leben
tötest. Aber wenn du widernatürlich Schmerzen verursachst,
ist deine Sünde grenzenlos.“
Das Folgende sollten wir uns hier merken:
1.Die vedischen Schriften lehren, dass das Töten unschuldiger
Tiere tatsächlich Sünde ist. Weil Mrgari aber ein Jäger
war, war sein Vergehen alpa, „gering“. Das Vergehen steht
in Relation zum Sündiger.
2.Im Vergleich zu diesem „geringen Vergehen“, wird das
unnötige und völlig beabsichtigte Verursachen von Leiden
„unbegrenztes Übel“ genannt.
3.Narada ermahnt Mrgari zum geringeren beider Vergehen.
4.Dieser eben genannten Methode folgend, bringt Narada Mrgari schließlich zum reinen Krishna-Bewusstsein.
4. Handlungen und Konsequenzen
Abgesehen
von diesen unvermeidbaren Spannungen zwischen Gerechtigkeit und
Barmherzigkeit, sowie zwischen dem Idealen und dem Realen, können
wir ferner zwei verschiedene Moralphilosophien in vedischen Schriften
beobachten: die eine sucht Sittlichkeit vornehmlich in der Handlung
selbst, die andere sucht Moral vor allem in der Konsequenz der
Handlung. Beide Sichtweisen sind der westlichen Philosophie wohl
vertraut unter den Namen Deontologische Ethik und Konsequentialismus.
Die erste Sichtweise, die Deontologiesche Ethik, argumentiert - grob
ausgedrückt -, dass sittliches Verhalten von der Handlung selbst
abhängt, ungeachtet der Folgen. Die zweite Sichtweise, der
Konsequemtialismus, führt an, dass moralisches Verhalten gute
Konsequenzen mit sich bringen muss.
Beispiele für beide Philosophien finden wir im Leben der
großartigen Persönlichkeit Bhishmas, der in seiner Jugend
ein Hauptanliegen bekundete, dass die Handlung als solche moralisch
sei, welcher aber, in seinen späteren, reiferen Jahren, die
moralische Wichtigkeit der Konsequenzen klar erkannte.
Der junge Bhishma
Im
Mahabharata blieb die Kuru-Dynastie, nach dem Tod des jungen und
kinderlosen Königs Vicitravirya, Sohn von Satyavati und Santanu,
ohne einen Herrscher zurück. In dieser prekären Situation
begannen die Feinde der Kurus, deren Land zu stehlen.
In ihrer Verzweiflung drängte Satyavati, die Königinmutter,
Bhishma dazu, Vicitraviryas Witwe zu heiraten und das Königreich
zu regieren. Bhishma lehnte rigoros ab mit den Worten:
„Ohne Zweifel, Mutter, hast du das höchste dharma
verkündet. Aber du kennst auch meinen höchsten Schwur in
Bezug auf Nachkommenschaft. Und du warst dir bewusst, was geschah, als
dein Brautpreis gezahlt werden musste.
Ich wiederhole den selben Schwur vor dir, Satyavati. Ich kann die
Herrschaft über die drei Welten aufgeben, oder sogar [über]
die Götter oder was immer auch größer ist als das, aber
auf keinen Fall kann ich mein Gelöbnis aufgeben.
Die Erde mag ihren Duft fort geben, das Wasser seinen reinen Geschmack.
Ebenso mag das Feuer die Form aufgeben, die Luft mag die Eigenschaft
der Berührung abgeben, die Sonne ihr Licht und die rauchenden
Flammen ihre Hitze, der Äther mag den Klang abtreten, der Mond mag
die Kühle seiner Strahlen weggeben, Indra, der Töter Vitras,
mag auf seinen Mut verzichten, der König des dharma mag das dharma
aufgeben, aber ich werde mich niemals dazu entschließen, mich von
der Wahrheit abzuwenden.“ [MB 1.97.13-18]
Diese Rede ist vortrefflich, aber sie zeigt auch ein Mangel an Sorge um
die Konsequenzen. In gewisser Weiser deklariert Bhishma hier, dass,
selbst wenn das Universum zusammenbrechen sollte, er nicht seinen Eid
aufgeben wird. Konsequenzen sind nicht wichtig. Alles was zählt,
ist die Integrität der Handlung selbst, in diesem Falle, den
Schwur einzuhalten.
Bhishmas Rede illustriert eine deutliche Einstellung zur Sittlichkeit:
die Handlung muss moralisch sein, ungeachtet der Konsequenzen. Obwohl
Bhishma schließlich Satyavati zustimmen wird, so wie Pandu Kunti
beigab, dass ein qualifizierter brahmana gefragt werden sollte, mit der
verwitweten Königin Söhne zu zeugen, hat Bhishma schon
deutlich klar gemacht, dass er, unter Außerachtlassung jeglicher
Konsequenzen, nicht seinen Schwur brechen wird. Hätte Bhishma
Satyavatis Angebot akzeptiert, geheiratet und das Königreich
regiert, dann hätte er falsch zu Satyavatis Vater gesprochen,
welcher sie Bhishmas Vater nur unter der Bedingung zur Braut gab, dass
Bhishma niemals heiratetet.
Es gibt, wie auch immer, eine andere Herangehensweise zur Moral, deren
primärer Gedanke den Konsequenzen einer Handlung gilt. Der
berühmteste Befürworter dieses pragmatischen Denkansatzes
ist, selbstverständlich, Krishna selbst. Tatsächlich lehrt
Krishna diese pragmatische Moralphilosophie Bhishma während der
Schlacht von Kurukshetra. Durch Bhishmas Belehrungen auf dem Totenbett
erfahren wir, dass das Oberhaupt der Kurus seine Lektionen gut aus Lord
Krishnas Unterweisungen zur sittlichen Philosophie gelernt hat.
Bhishma auf Kurukshetra
Sowohl
das Mahabharata als auch das Bhagavatam berichten, dass auf dem
Schlachtfeld von Kurukshetra Lord Krishna Seinen Schwur, nicht zu
kämpfen, brach, um seinen Geweihten Arjuna zu beschützen.
Im Bhagavatam 1.9.37 erinnert sich der sterbende Bhishma:
„Sein heiliges Wort brechend, kam Er [Krishna] von Seinem
Streitwagen herab, um mein Versprechen zu einer größeren
Wahrheit zu machen.“
Im Mahabharata 6.102.66, in einer berühmten Szene, umklammert
Arjuna Krishnas Beine, der gerade auf Bhishma zu rennt, um diesen zu
töten, und fleht Krishna wie folgend an:
„Halt, oh Starkarmiger! Oh Keshava, zuvor sagtest Du: ‚Ich
werde nicht kämpfen,’ und Du solltest nicht Deine Worte
unwahr werden lassen. Oh Madhava, die Welt wird sagen, Du hättest
falsche Rede abgelegt, und diese ganze Bürde wird sicherlich auf
mir lasten. Ich werde Bhisma töten, das verspreche ich.“
Obwohl Krishna nachgibt, war Er fest entschlossen, Seinen Eid zu brechen, um notwendige Konsequenzen herbeizuführen.
Ähnliches teilt Krishna Yudhisthira im Drona-Parva des Mahabharata [7.164.68] mit:
„Oh Pandava, das dharma beiseite werfend, tue, was sinnvoll ist
für den Sieg, damit Drona im goldenen Wagen Euch nicht alle in der
Schlacht tötet.“
Später, in der selben Szenen, sagt Krishna zu Yuhdisthira:
„Du allein rettest uns vor Drona. Unwahrheit ist [in diesem Fall]
besser als die Wahrheit. Lügen verschmutzen nicht denjenigen, der
sie ausspricht, wenn Leben auf dem Spiel steht.“
Auftreten und Intention
Im Karna-parva des Mahabharata erzählt Lord Krisna Arjuna zwei
Geschichten, welche sehr drastisch illustrieren, dass wahres Mitleid
nicht immer durch die äußeren Handlungen beurteilt werden
kann, sondern gelegentlich eher durch die Folgen der Handlungen selbst.
Die erste Geschichte beschreibt einen augenscheinlich sündvollen
Mann, welcher in den Himmel einging, die zweite berichtet das
Gegenteil: ein „religiöser“ Weiser fuhr zur
Hölle. In beiden Erzählungen ist es nicht die Handlung
selbst, welche am meisten zählt, sondern es sind viel mehr die
Konsequenzen daraus. Dies sind die Geschichten:
Krishna sagte: „Da war ein Jäger namens Balaka, welcher
Tiere tötete, um seine Kinder und seine Frau zu versorgen, und
nicht aus seinem eigenen Verlangen heraus. Er unterstütze auch
seine blinde Mutter und seinen Vater und andere
Familienangehörige. Stets seiner Pflicht verschrieben, sprach er
die Wahrheit und war nicht neidisch.
Eines Tages fand er keine Beute, obwohl er mit viel Bemühung
danach suchte. Plötzlich sah er eine wilde Bestie Wasser trinkend
und die Nase als Augen nutzend. Obwohl er niemals zuvor eine derartige
Kreatur gesehen hatte, tötete er sie augenblicklich. Daraufhin
fiel ein Blumenregen vom Himmel und von dort kam ein bezauberndes
Fluggerät, erfüllt mit dem Klang von Musikinstrumenten und
den Gesängen der Apsaras, welchen es danach verlangte, den
Jäger in den Himmel erheben.
Arjuna, die getötete Kreatur hatte schwere Entsagungen auf sich
genommen und dafür die Segnung erhalten, alle Lebewesen zu
zerstören, und sie war daher von Svayambhu geblendet worden.
Balaka ging in den Himmel, weil er die Kreatur tötete, welche es
sich fest vorgenommen hatte, alle Lebewesen zu zerstören. Daher
ist dharma sehr schwer zu verstehen.
Nun war da ein brahmana namens Kaushika, in den Schriften nicht sehr
bewandert, der [im Wald], nicht weit von einem Dorf, an der
Mündung mehrerer Flüsse lebte.
‚Ich werde immer die Wahrheit sprechen!’ Das war sein
Schwur. Oh Dhananjaya, er wurde alsbald bekannt als ein Sprecher der
Wahrheit. Dann eines Tages kamen einige Leute in den Wald, welche in
Angst vor Räubern waren. Tatsächlich folgten ihnen grausame
Banditen und suchten sehr intensiv nach diesen. Von Kaushikas
Wahrheitsgelöbnis wissend, traten die Räuber an ihn heran und
sagten: ‚Ehrenwerter Herr, welchem Pfad sind all diese Leute
gefolgt? Wir bitten dich um eine wahre Antwort. Sage uns, wenn du
weißt, wo all diese sind. Erzähl es uns!’
Daraufhin antwortete ihnen der befragte Kaushika
wahrheitsgemäß: ‚Sie verbergen sich auf einem Hain
voller Bäume, Büsche und Ranken.’ So fanden die
Räuber diese und töteten sie grausam. Das berichten uns die
Autoritäten.
Aufgrund des großen adharma der schädlichen Rede ging
Kaushika in die qualvolle Hölle ein, weil er nicht die feinsinnige
Lehre der Moral begriffen hatte. Seine Studien waren insuffizient, er
war einfältig, und er kannte nicht die Unterteilungen von
dharma.“ [MB 8.49.34-46, Ganguli 8.9.70]
Krishna selbst erläutert dann Arjuna die Bedeutung dieser beiden Geschichten:
„Es ist schwierig das höchste Verständnis [der Moral]
zu erfassen. Man mag es durch Schlussfolgerung herausfinden. Nun gibt
es viele Menschen, die einfach behaupten: ‚Die Schriften sind
Moral.’ Obwohl ich dieser Sichtweise nicht widerspreche, bieten
die Schriften nicht Regeln für jeden Fall.“
Diese Aussage ist höchst signifikant. Gerade wegen der
Komplexität im Leben – den Spannungen zwischen Gerechtigkeit
und Barmherzigkeit, dem Idealen und dem Realen, der Handlung und deren
Konsequenz, der individuellen und der gesellschaftlichen
Bedürfnisse – kann Moral, dharma, niemals auf eine Liste von
Regelungen reduziert werden. Lord Krishna widerspricht nicht dem
Gedanken, dass der Maßstab der Schrift die Sittlichkeit steuert;
dennoch ist der Maßstab selbst nicht suffizient. Man muss die
Einzelfälle logisch analysieren und man muss die Feinheiten des
wahren Lebens erfassen. Kaushikas moralisches Unvermögen, welches
ihn in eine sehr qualvolle Hölle brachte, war sein
Unvermögen, „die feinsinnige Lehre der Moral“ zu
erfassen. Man kann nicht die Feinsinnigkeit der Moral begreifen, wenn
man nicht den Zweck der Moral verstanden hat. Im selben Abschnitt des
Mahabharata erklärt Lord Krishna diesen Zweck:
„Moral wird für den Fortschritt der Lebewesen gelehrt. Moral
[dharma] leitet sich von Standhaftigkeit [dharana] ab. Daher sagen die
Autoritäten, dass Moral [dharma] das ist, was die Lebewesen
standhaft macht. Die Schlussfolgerung ist, dass, was auch immer [die
Lebewesen] aufrecht erhält, wirklich dharma ist.“ [MB
8.49.48-50]
Obwohl also Balaka ein Jäger war, war seine Absicht, die Familie
zu versorgen. Er war nicht schlussendlich eine schlechte Person, aber
er fand sich selbst in einer nicht erstrebenswerten Situation wieder.
Ebenso teilte Narada Mrgari mit: „Weil du ein Jäger bist,
ist das Töten von Tieren für Dich ein geringes
Vergehen.“ Balakas Handlungen waren verabscheuungswürdig,
aber seine Absichten waren es nicht.
Im Gegensatz dazu war Kaushikas Handlung vordergründig moralisch:
er sprach die Wahrheit. Aber auf diese Weise fügte er anderen
Leuten Schaden zu. Er erhob die „Moral“ über das wahre
Bedürfnis von anderen, nicht erkennend, dass es nur Moral ist,
wenn es anderen hilfreich ist. Wir haben schon in den Fällen von
Mrgari und Balaka gesehen, dass Sittlichkeit relativ zur Situation
einer Person ist. Im Falle Kaushikas etabliert Lord Krishna ein
weiteres, milderndes Prinzip: Moral ist relativ zu den Umständen.
Daher stellt Krishna heraus:
„Wann auch immer Menschen versuchen, jemanden
unrechtmäßig zu bestehlen, sollte kein Laut gegeben werden,
wenn diese Person durch das nicht Geben eines Lautes frei kommen kann.
Oder man sollte notwendiger Weise einen Laut von sich geben, wenn die
Räuber verdächtig auf Stillschweigen bedacht sind. In jener
Situation ist es besser, das Sprechen einer Lüge in Erwägung
zu ziehen, als die Wahrheit zu sagen.“ [MB 8.49.51-52]
Der reife Bhishma
In
Bhishmas, auf dem Bett aus Pfeilen gesprochenen Lehren (Mahabharata,
Shanti-parva) können wir erkennen, dass Krishnas kraftvolle,
moralische Unterweisung – dass Konsequenzen wirklich ins Gewicht
fallen, manchmal mehr als die Handlung selbst – an Bhishma nicht
verschwendet gewesen ist. Der sterbende Bhishma spricht über
satyam, Wahrheit, in einer weitaus komplexeren, nuancierteren Weise,
als er es in seiner Jugend tat. Er befasst sich nun ausgiebig mit den
Folgen, mehr als mit der Handlung selbst. Und er versteht, dass in
moralischen Angelegenheiten die äußere Erscheinung
trügerisch sein kann, eine Lektion, die er aus den Geschichten
über den Jäger Balaka und den brahmana Kaushika wohl gelernt
hat. Wir sollten sogar sehen, dass Bhishma, am Ende seines Lebens,
Krishnas deutliche Sprache zu diesem Punkt wiederholt und umschreibt.
Während Bhishma auf seinem Bett aus Pfeilen liegt, befragt ihn
Yudhisthira zur Moral (dharma). Bemerkenswert ist, dass die Wahrheit
zur Moral selbst für den König der Moral, Yudhisthira, nicht
offensichtlich war. Es folgt ihre Unterhaltung:
Yudhisthira sagte: „Wie sollte sich eine Person verhalten, die
auf moralischen Prinzipien fußen will? Oh du Weiser, ich versuche
dieses zu verstehen, also bitte erkläre es mir, bester der
Bharatas.
Sowohl Wahrheit als auch Unwahrheit existieren und überziehen die
Welt. Oh König, welche von diesen beiden sollte eine Person auf
die sittliche Praxis anwenden? Was ist tatsächlich Wahrheit, was
ist Unwahrheit und was ist wirklich das ewige, moralische
Prinzip?“
Bhishma sagte: „Die Wahrheit zu sprechen ist rechtschaffen.
Nichts steht höher als die Wahrheit. Oh Bharata, ich werde dir
jetzt das mitteilen, was schwer zu verstehen ist auf Bhurloka. Die
Wahrheit sollte nicht gesprochen werden und die Unwahrheit sollte
gesprochen werden in dem Fall, da Unwahrheit zur Wahrheit und Wahrheit
zur Unwahrheit wird. Eine unreife Person ist verwirrt in solch einem
Fall, da die Wahrheit nicht eindeutig festzustellen ist. Der kennt die
Moral, der Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden kann.
Selbst ein Nicht-Aryan, eine unvollkommener Weiser, und
tatsächlich sogar ein sehr gewalttätiger Mann können
sehr großes Mitleid erlangen, wie es Balaka geschah durch das
Töten der blinden Bestie. Und was ist erstaunlich daran, dass ein
Narr, welcher nach Sittlichkeit strebt, diese aber nicht zu erkennen
vermag, sehr große Sünde auf sich lädt, wie Kaushika am
Ganges?
Solch eine Frage, welche sich darauf bezieht, wo Moral zu finden sei,
ist sehr schwer zu beantworten. Es ist nicht einfach abzuwägen,
daher muss man in diesem Punkt den Sachverhalt durch logisches Denken
aufklären. Moral ist, was Lebewesen vor Schaden bewahrt. Das ist
die Schlussfolgerung.
Moral [dharma] kommt von Standhaftigkeit [dharana]. Daher sagen die
Autoritäten, dass Moral die Lebewesen standhaft macht. Daher ist
das, was diese Stärke unterstützt, dharma. Das ist die
Schlussfolgerung.
Sicherlich sagen einige Leute: „Die Schriften sind Moral“,
während andere dieses leugnen. Ich leugne das nicht, aber
tatsächlich geben die Schriften nicht für jeden Fall Regeln
vor. Wann immer Menschen versuchen, sich jemandes Besitz
unrechtmäßig anzueignen, sollte dieser jenen nicht
preisgegeben werden. Das ist wirklich dharma. Wenn jemand dadurch frei
kommen kann, dass kein Laut gegeben wird, dann sollte kein Laut gemacht
werden. Oder man sollte notwendiger Weise einen Laut erzeugen, wenn
Räuber sehr um Stillschweigen bemüht sind. In jener Situation
ist es als besser zu erachten, eine Lüge zu sprechen als die
Wahrheit zu sagen. Jemand, der sich so verhält, ist von der
Sünde des Ablegens eines falschen Zeugnisses befreit.“ [MB
12.110.1-15]
Hier wiederholt Bhishma die grundlegenden Punkte zur vedischen Moralphilosophie, gelehrt von Krishna selbst:
1.
Um zu verstehen, was moralisches Verhalten ist, können wir nicht
einfach in jedem Fall die moralischen Regeln der Schriften zitieren.
2. Man muss über Moral auch logisch nachdenken.
3. Bei solch einer Schlussfolgerung muss man im Kopf behalten, dass der
ganze Zweck der moralischen Leitsätze darin besteht, den Menschen
zu helfen.
4. Manchmal begehen scheinbar gute Menschen schlechte Taten.
5. Manchmal begehen scheinbar schlechte Menschen gute Taten.
6. In solchen Fällen muss man hinter das Auftreten blicken, um zu
sehen, was tatsächlich gute Ergebnisse mit sich bringt.
Spannungen zwischen der Gesellschaft und dem Individuum
Beim
Abwägen der guten und schlechten Konsequenzen einer Tat, muss man
sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft mit in Betracht ziehen.
Im menschlichen Leben gibt es eine natürliche Spannung, ein
Gleichgewicht, zwischen der persönlichen Freiheit und der sozialen
Verantwortung. Srila Prabhupada drängte uns alle, innerhalb der
ISKCON zusammenwirkend zu arbeiten und gleichzeitig kämpfte er
gegen Zentralisierung und Bürokratie, gerade weil diese die
individuelle Freiheit, die Inspiration und die Kreativität
ersticken - alles Dinge, die essentiell sind im spirituellen Leben.
Prabhupada schreibt daher in seiner Erläuterung zum Bhagavatam,
Vers 1.6.37:
„Jeder Lebewesen strebt nach vollkommener Freiheit, denn das ist
seine transzendentale Natur...] Einer befreiten Seele wie Narada
dagegen, die ständig über die Herrlichkeit des Herrn chantet,
steht es frei, sich nicht nur auf der Erde, sondern in jedem Teil des
Universums, ja auch überall im spirituellen Himmel, ganz nach
Belieben zu bewegen [...] In allen Bereichen des hingebungsvollen
Dienstes ist daher Freiheit die Hauptsache. Ohne Freiheit gibt es
keinen hingebungsvollen Dienst. Dass der Geweihte dem Herrn seine
Freiheit hingibt, bedeutet nicht, dass er in jeder Beziehung
abhängig wird. Sich dem Herrn durch das transparente Medium des
spirituellen Meisters hinzugeben bedeutet, die völlige Freiheit
des Lebens zu erreichen.“
Dadurch haben wir unvermeidbare Pflichten gegenüber der
Gesellschaft, besonders der spirituellen, von Srila Prabhupada
geschaffenen Gesellschaft. Ganz allgemein: wenn man sich dazu
entscheidet, nicht alleine zu leben, sondern lieber innerhalb einer
Gesellschaft, und somit die Vorzüge genießt, welche diese
Gesellschaft bietet, schließt man eine Art sozialen Vertrag ab
und zahlt den Preis für die sozialen Leistungen, welche man
erhält. Um innerhalb einer Gesellschaft zu leben und deren
Vorteile und Begünstigungen zu genießen, opfert man seine
uneingeschränkte Freiheit des Lebens außerhalb der
Gesellschaft. Das Individuum innerhalb der Gemeinschaft lernt, dass
alles, was für einen Einzelnen natürlich ist, nicht
natürlich für die Gemeinschaft sein muss. Und was
unnatürlich für ein Individuum ist, muss nicht
unnatürlich für die Gesellschaft sein.
Eben weil wir von der Gesellschaft abhängig sind, sogar wenn wir
nach Freiheit verlangen, wird es immer einen gewissen Grad an
Spannungen geben zwischen den Wünschen und Hoffnungen des
Individuums so wie den Wünschen und Bedürfnissen der
Gesellschaft, in welcher der Einzelne lebt. Eine Krishna-bewusste
Gesellschaft sollte ein gesundes Gleichgewicht zwischen
gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnissen erstreben, damit
sowohl der Einzelne als auch die Gemeinschaft ihre Ziele erreichen
können, ohne einander maßgeblich zu schaden.
Lasst uns an diesem Punkt zurückkehren zur Diskussion um die
Spannung zwischen dem Idealen und dem Realen innerhalb des Kontextes
von Gesellschaft und Individuum. Einerseits muss eine Krishna-bewusste
Gesellschaft die ewigen, spirituellen Ideale bewahren: das Ziel eines
jeden Lebens ist es, Krishna zu erreichen, den Höchsten Herrn.
Jeder menschliche Körper gehört Krishna und sollte
ausschließlich in Seinem Dienst verwendet werden, bezugnehmend zu
sanatana-dharma, den ewig spirituellen Prinzipien, vom Herrn Selbst
aufgestellt. Eine Krishna-bewusste Gesellschaft sollte daher das
Verhalten ihrer Mitglieder loben und tadeln, belohnen und bestrafen,
ermutigen und entmutigen, in dem Maße, in dem jenes Verhalten den
gesellschaftlichen Idealen zuträglich ist oder ihnen schadet.
Andererseits muss ein jede funktionierende Gemeinschaft kulturellen und
sozialen Freiraum schaffen für ernsthafte Mitglieder, welche sich
– zwangsläufig - abmühen mit der sehr unvollkommenen
Wirklichkeit des bedingten Lebens. Die Gesellschaft muss erkennen, dass
gute, aufrichtige Mitglieder oftmals hinter die gemeinschaftlichen
Ideale zurückfallen und dass die Gesellschaft letztendlich da ist,
um die Seele in ihrem Kampf um Krishna-Bewusstsein zu ermutigen und zu
unterstützen.
Um das umzusetzen, muss die Gesellschaft unterscheiden zwischen
öffentlichem und privatem Verhalten, höhere Standards
für ersteres durchsetzen und auf letzteres reagieren, wann immer
solch eine Reaktion angemessen, relevant und notwendig ist. Eine
Krishna-bewusste Gesellschaft muss stets bedenken, dass bedingte Seelen
den spirituellen Idealen nur teilweise und unvollkommen nachkommen.
Für die im spirituellen Leben nicht weit Fortgeschrittenen
beinhaltet daher das Vorankommen [zum Idealen hin] oftmals einen
kalkulierten Kompromiss mit den ununterdrückbaren Drängen und
Bedürfnissen des materiellen Körpers.
Der Einzelne darf seinerseits der Gemeinschaft nicht unmögliche,
ideale Standards vorhalten. Im gleichen Maße wie das Individuum
hinter die gesellschaftlichen Ideale zurückfällt, bleibt die
Gemeinschaft hinter den individuellen Erwartungen an diese zurück.
Somit muss eine intolerante Gesellschaft schließlich selbst der
Intoleranz ihrer Mitglieder zum Opfer fallen, aufgrund der
Schwachpunkte, welche jeder Gesellschaft unvermeidbarer Weise zu eigen
sind.
Schriften und Homosexualität
Im
vorangegangenen Text fanden wir Krishnas Aussage aus dem Mahabharata:
„Es ist schwierig, das höchste Verständnis [der Moral]
zu erfassen. Man mag es durch Schlussfolgerung herausfinden. Nun gibt
es viele Menschen, die einfach behaupten: ‚Die Schriften sind
Moral.’ Obwohl ich dieser Sichtweise nicht widerspreche, bieten
die Schriften nicht Regeln für jeden Fall.“
Um also zu versuchen herauszufinden, wie ISCKON mit Homosexualität
umgehen sollte, müssen wir erst diese Frage stellen: Geben die
vedischen Schriften der Gottgeweihten spezifische, eindeutige,
unmissverständliche Regeln zum Umgang mit Homosexualität vor,
oder müssen wir - falls nicht - uns einen Weg zu einer Lösung
mit logischer Argumentation herleiten?
Srila Prabhupada lehrte, dass wir die spirituelle Wissenschaft durch
guru, sadhu und shastra verstehen müssen: „durch
seinen Lehrer, andere heilige Personen und offenbarte Schriften.“
Ebenso lehrte Srila Prabhupada unaufhörlich, dass seine eigene,
ultimative Qualifikation, und selbstverständlich die eines jeden
bona fide gurus, darin besteht, die Lehren Krishnas, wie sie in den
offenbarten Schriften gefunden werden, stets wortgetreu zu wiederholen.
Folglich müssen wir die wichtigsten, von Srila Prabhupada
überbrachten Vaishnava-Schriften, die Bhagavad-Gita und das Srimad
Bhagavatam, auf spezifische, eindeutige, unmissverständliche
Aussagen hin untersuchen.
Das Ergebnis? Es gibt keine! Bemerkenswerterweise gibt es weder in der
Bhagavad-Gita noch im Srimad Bhagavatam einen einzigen, expliziten
Bezug zur Homosexualität in beidseitig übereinstimmendem
Einverständnis. Natürlich finden wir im Bhagavatam 3.20.23-27
die bekannte Geschichte, in welcher Brahma männliche Dämonen
erschafft, welche sich ihm im Verlangen nach sexuellem Genuss
nähern. Brahma entkommt diesen Dämonen, indem er auf Vishnus
Geheiß hin einen seiner Körper ablegt. Prabhupada
kommentiert in seiner Erläuterung zu 3.20.26:
„Es scheint hier, als wenn das homosexuelle Verlangen des
männlichen Geschlechts bei diesem Ereignis geschaffen wurde, durch
Brahmas Schöpfung der Dämonen.“
Wir sollte uns folgende Punkte in Bezug auf diese Bhagavatam Geschichte merken:
1.Die Geschichte beschreibt nicht Homosexualität in beidseitig
übereinstimmendem Einverständnis, weil Brahma den
lüsternen Dämonen entflieht.
2.Die Geschichte stellt keinerlei Regel, Vorschrift oder Verbot
Homosexualität betreffend auf. Tatsächlich taucht der Begriff
„Homosexualität“ als solcher rein gar nicht im
Bhagavatam auf.
3.Es ist nicht eindeutig erkennbar in der original Bhagavatam
Erzählung, ob die Dämonen wirklich Homosexuelle waren. Ich
werde diesen letzten Punkt im größeren Detail erklären.
Bei der genaueren Untersuchung dieser Geschichte finden wir heraus,
dass die Dämonen, welche Brahma bedrängten, höchstens
bisexuell waren, und dass selbst diese Bisexualität ziemlich
uneindeutig ist. Ich werde erst die Rahmenhandlung skizzieren und dann
die Komplexität der Erzählung diskutieren.
Dies ist die Rahmenhandlung:
1.
Von seinem Gesäß erschafft Brahma die sehr lustvollen,
„gottlosen“ Geschöpfe, welche an ihn herantreten
zwecks Sexgenuss.
2. Erst ist Brahma amüsiert, dann wütend und nachher
ängstlich. Er flieht, als die schamlosen Dämonen ihn jagen.
3. Brahma nimmt Zuflucht bei Vishnu und bittet den Herrn, ihn zu beschützen.
4. Vishnu sieht Brahma in dessen bemitleidenswertem Zustand und
befiehlt ihm, seinen „grässlichen“ Körper
abzulegen.
5. Brahma legt seinen Körper ab. Die Dämonen sehen diesen als
eine prachtvolle Frau. Völlig verzaubert nähern sie sich der
„Weiblichen“ und versuchen, ihre Gunst zu gewinnen.
6. Die Dämonen erkannten somit, durch Lust und Verwirrung, im Zwielicht eine schöne Frau und rissen diese an sich.
In
der Schlussfolgerung kann kein Zweifel darüber bestehen, dass alle
Dämonen, welche Brahma erschuf, extreme Lust nach Frauen
empfanden. Es ergibt sich die Frage, ob sie sich Brahma in einer
direkten, homosexuellen Absicht näherten oder ob sie lediglich
angetan waren vom weiblichen Aspekt von Brahmas kosmischem Körper,
zumal Brahma ihnen ja einen Körper in Form einer wunderbare Frau
überließ. Vergessen wir nicht, dass das Bhagavatam selbst im
Vers 3.20.53 erklärt, dass Brahma ihnen einen „Teil“,
amsha, seines Körpers gab und Sridhara Swami ausführt, dass
dieser Teil in Wirklichkeit ein Aspekt von Brahmas geistiger
Einstellung war, um genau zu sein ein Zustand der Lust. Bezug nehmend
auf das Bhagavatam und Sridhara Swami, jagten die Dämonen somit
lustvoll Brahma, bis dieser ihnen augenscheinlich das gab, wonach sie
verlangten: eine wunderschöne Frau. Daher ist es eindeutig, dass
die Dämonen ein starkes, heterosexuelles Verlangen hatten, ebenso
wie sie von Lord Brahmas lustvollem, weiblichen Aspekt auf unklare
Weise angezogen wurden.
Daher bietet diese Geschichte
weder einen eindeutigen, klaren Bezug zur Homosexualität, noch
liefert sie irgendwelche Vorgaben, wie damit umzugehen sei.
Wir finden eine gewisse
geschlechtliche Unregelmäßigkeit in der Geschichte von
König Sudyumna, welche im neunten Canto des Bhagavatam
erzählt wird. Hier ist die Rahmenhandlung:
Als er Lord Shivas Wald
betritt, wird König Sudyumna sofort in eine Frau verwandelt,
welche anschließend einen Mann heiratet und mit diesem ein Kind
bekommt. Sudyumnas Guru, Vasistha Muni, bittet dann Lord Shiva,
Sudyumna zurück in einen Mann zu verwandeln. Shiva bewilligt, dass
der König in jedem zweiten Monat ein Mann werden wird und sein
Königreich regieren kann, aber in den anderen Monaten soll er eine
verheiratete Frau bleiben.
Es ist bedeutsam, dass
Sudyumnas Bürger diese Arrangierung nicht billigen oder gut
heißen. Das Bhagavatam erklärt: nabhyanandan sma tam prajah.
Das Sanskritverb abhi-nand
bedeutet: „begrüßen, befürworten, applaudieren,
anerkennen etc.“ Somit begrüßten, befürworteten,
applaudierten, anerkannten die Bürger ihren König nicht,
welcher in jedem Folgemonat zur Frau wurde.
Es scheint weiterhin, als wenn
der monatliche Geschlechtswechsel König Sudyumna selbst peinlich
war. Sridhara Swami und Vira Raghavacarya kommentieren beide, dass der
König aus Scham jeden Monat seine Situation zu verbergen suchte.
Visvanatha Chakravarti Thakur stimmt zu, dass der König seine
Situation zu verbergen versuchte.
Offensichtlich war der
König nicht homosexuell nach modernen Gesichtspunkten. Aber diese
Geschichte veranschaulicht einen wichtigen Punkt der menschlichen
Psychologie: geschlechtliche Irregularität wird ganz generell von
Menschen nicht begrüßt oder willkommen geheißen.
Dennoch präsentiert diese Geschichte, ebenso wie die vorherige,
weder eine explizite, eindeutige Beschreibung der Homosexualität,
noch bietet sie eine spezielle Regel zum Umgang mit dieser. Erinnern
wir uns an Prabhupadas Kommentar zum Bhagavatam Vers 3.20.26:
„Es scheint hier, als
wenn das homosexuelle Verlangen des männlichen Geschlechts bei
diesem Ereignis geschaffen wurde, durch Brahmas Schöpfung der
Dämonen.“
Weder beschreibt noch
ächtet das Bhagavatam explizit die Homosexualität, obgleich
dieser jedoch nachgesagt wird, dass sie schon seit der
Morgendämmerung der Schöpfung existieren würde. In
Übereinstimmung mit Krishnas eigener Aussage [MB 8.49.49],
müssen wir folglich eigene Regeln zum Umgang mit
Homosexualität finden, indem wir spirituell-logisch
schlussfolgern, zumal wir ja keine spezifischen, expliziten,
eindeutigen Regelwerke diesbezüglich finden.
Moralisch-logische Argumentation zur Homosexualität
Folglich
können wir sagen, dass der absolute, objektive und ewige Standard
für eine eheliche Beziehung der ist, dass solch eine Beziehung
sich zwischen einem Mann und einer Frau entwickeln sollte, welche einen
entsprechenden Körper und Geist haben, bzw. zwischen Wesen, welche
männliche und weibliche Eigenschaften in ihren Körpern und
Geistern besitzen. Weiterhin sollte eine derartige eheliche Beziehung
dem transzendentalen, hingebungsvollen Dienst gewidmet werden und sich
letztendlich um reine, spirituelle Liebe bemühen, frei von
materieller Lust.
Es ist eine grundlegende
Erkenntnis des Krishna-Bewusstseins, dass die materielle Welt eine
pervertierte Reflektion der ewigen, spirituellen Welt ist. Unsere
zeitweiligen Körper sind Schatten oder Spiegelungen unserer
ewigen, spirituellen Körper. Und Krishna Selbst ist die
Höchste Persönlichkeit mit einem höchsten, ewigen
Körper. Heilige Texte wie das Srimad Bhagavatam und die
Bhagavad-Gita zeigen detailliert die Natur, das Verhalten und die
Aktivitäten des Allerhöchsten, Sri Krishna, auf und daher
besitzen wir einen absoluten, objektiven Standard, an welchem wir unser
eigenes Verhalten messen können. Dieses ist besonders zutreffend,
zumal wir nicht nur Informationen über Krishnas Aktivitäten
in der Spirituellen Welt besitzen, sondern auch Seine Handlungen in der
materiellen Welt kennen, in welche Er als Avatara hinabsteigt, um an
Seinem Eigenen Leben auf Erden, und dem Leben Seiner reinen Geweihten,
welche Ihm zur Seite stehen, zu demonstrieren, was dharma - richtiges
Verhalten - ist.
In dieser Welt finden wir in
beinahe jeder ehelichen Beziehung ein gewisses Maß der
Verunreinigung. Dennoch ist in gewissem Sinne selbst in dieser
unvollkommenen Welt die adäquate Vereinigung zwischen Mann und
Frau – in Körper und Geist – näher dran am
ewigen, spirituellen Standard, als die unzulässige
Sexualität, welche den spirituellen Standard nicht widerspiegelt.
Ein einfaches Beispiel hilft,
diesen Punkt zu veranschaulichen: weil die amerikanische Gesellschaft,
selbst im Angesicht ausgedehnter Heuchelei, die Ideale der sozialen und
gesetzliche Gleichheit bewahrte, war die
US-Bürgerrechtsorganisation fähig, an dieses Ideal zu
appellieren und nach Rassengerechtigkeit zu streben. Gleichsam ist es
essentiell für den Fortschritt ihrer Mitglieder, dass ISKCON das
spirituelle Ideal zur Sexualität zwecks Fortpflanzung zwischen
Mann und Frau bewahrt, welche im heiligen Bund der Ehe stehen.
Im Bhagavad-Gita Vers 7.11
erklärt Lord Krishna, dass Er in Sexualität gegenwärtig
ist, welche nicht im Konflikt mit dharma steht. Srila Prabhupada lehrt,
dass Sexualität letztlich dafür bestimmt ist,
Krishna-bewusste Nachkommenschaft zu zeugen. Selbst wenn die meisten
grhastha Devotees sich mit diesem Standard abmühen und sich in der
Praxis auf die einfachere Version dieser Regulierung beschränken
(keine Sexualität außerhalb der Ehe), ist der höherer
Standard immer noch das Ideal, welches alle ernsthaften Devotees
anstreben sollten. Die Tatsache, dass viele oder sogar die meisten
grhasthas es schwer finden, immer auf der höchsten Ebene zu
handeln, entkräftet weder die Bedeutung des Ideals, noch
schwächt es diese.
Aber wie sollte ISCKON mit
Homosexualität umgehen? Lasst uns diesen Sachverhalt im Lichte der
Vaishnava-Moralphilosophie betrachten, unter besonderer Beachtung der
verschiedenen Spannungen, welche ausbalanciert werden müssen.
Schlussfolgerung
Gerechtigkeit
gebietet, dass alle Seelen, welche sich Gott ergeben, alle Sünden
aufgeben. Barmherzigkeit gebietet Geduld und Verständnis.
Letztendlich müssen wir tun, was am besten ist für den
einzelnen Devotee und für die Gemeinschaft der Devotees. Obwohl es
gewisser Maßen unvermeidbare Spannungen zwischen den
Wünschen und Bedürfnissen der Gesellschaft und denen des
Individuums geben wird, müssen wir schließlich einen Weg
finden, die einzelnen Devotees bei ihren speziellen Schwierigkeiten zu
bestärken und zu inspirieren, und gleichzeitig die
Unverletzlichkeit der moralischen und spirituellen Standardrichtlinien
aufrecht zu erhalten. ISKCON muss Gerechtigkeit und Barmherzigkeit
ausbalancieren, das Ideale und das Reale. ISKCON muss die Wichtigkeit
der moralischen Handlung verteidigen, aber ebenso muss ISKCON das
unterstützen, was förderliche Konsequenzen mit sich bringt.
Prabhupada betont, dass
Krishna-Bewusstsein ein gradueller Prozess ist. Er lehrte dies
wortwörtlich Hunderte von Malen. Hier sind ein paar Beispiele,
entnommen aus Hunderten von Äußerungen, welche er zu diesem
Punkt machte:
„Jeder muss sein Herz durch allmählichen Fortschritt reinigen, nicht abrupt.“ [BG 3.35, Erläuterung]
„Es ist daher die
Pflicht der Regierung, sich darum zu kümmern, all ihre Bürger
auf diese Weise zu schulen, damit sie durch allmählichen
Fortschritt auf die spirituelle Ebene erhoben werden und das Selbst und
seine Beziehung zu Gott erkennen.“ [SB 6.2.3, Erläuterung]
Lasst uns in Gedanken
behalten, was das englische Wort „gradual“ eigentlich
bedeutet. Hier sind einige Definitionen aus
Standardwörterbüchern:
Graduell: „langsames
Fortschreiten oder Entwickeln in Stufen oder Graden; stufenweise
Voranschreiten; Bewegen, Verändern oder Entwickeln in feinen oder
oftmals unmerklichen Schritten; langsames Verändern.“
Einige Leute meinen, zu
schwule Monogamie zu ermutigen bedeute zur Homosexualität zu
ermutigen. Um dieses Argument zu überprüfen, lasst es uns auf
eine andere sündvolle Handlung übertrage: Drogenmissbrauch.
Tatsächlich gibt es auf
der Welt viele ernsthafte Vaishnavas, welche sich mit irgendeiner Form
des Drogenmissbrauchs herum plagen. Wenn ISKCON jetzt dem Beispiel
anderer Religionen folgt und Programme anbietet, um gewissenhaften
Mitgliedern zu helfen, ihre Probleme zu überwinden, und wenn
Devotees gelobt und bestärkt werden, die ihren Drogengebrauch
reduzieren, bedeutet das dann, dass ISKCON den Gebrauch von Drogen
unterstützt, duldet oder rechtfertigt? Sicherlich nicht.
Ebenso wenig bedeutet das
Bestärken von Devotees, welche sich darum bemühen,
sündhafte Sexualität in jeder Form zu regulieren, zu
reduzieren und zu eliminieren, sündhafte Handlungen gut zu
heißen oder zu diesen zu ermutigen. In Wirklichkeit bedeutet es
genau das Gegenteil: wir ermutigen zur Reduktion und schrittweisen
Elimination solcher Aktivitäten und begrüßen dieses.
In einer strengen Auslegung
ist letztendlich Sexualität innerhalb der Ehe, welche nicht zur
Zeugung von Nachkommen dient, sicherlich auch im Falle eines grhastha
Pärchens sündvoll. Dennoch erklären Devotees manchmal,
„keine unzulässige Sexualität“ bedeutet
„keine Sexualität außerhalb der Ehe“.
Tatsächlich ist dieses der Standard, welchem viele respektable
grhsthas zu folgen vermögen. Warum dulden wir also dennoch eine
sexuelle Handlung, welche in einer strengen Auslegung sündhaft
ist? Sicherlich weil dieses von zwei Übeln das geringere ist: das
größere Übel wäre die Sexualität
außerhalb der Ehe.
Dadurch ergibt sich folgende
Frage: ist die Vorgehensweise, das geringere Übel zu wählen,
nur gültig für Heterosexuelle oder ist sie auch eine
nützliche Strategie für Homosexuelle? Erinnern wir uns, dass
Srila Prabhupada betonte, dass Krishna-Bewusstsein ein gradueller
Prozess ist, ein langsamer, stufenweise voranschreitender Prozess. Die
Idee hinter einem graduellen Prozess bringt logischer Weise eine
weitere Idee mit sich, nämlich dass Schritte in die richtige
Richtung genau das bedeuten: Schritte in die richtige Richtung. Und
eine spirituelle Gesellschaft muss alle ihre Mitglieder dazu ermutigen,
Schritte in die richtige Richtung zu unternehmen.
Abschließend müssen
wir uns an das höchste moralische Prinzip erinnern, welches im
Padma Purana gefunden werden kann und im Sri Caitanya Caritamrita
2.22.113 zitiert wird:
„Vishnu sollte immer
erinnert und niemals vergessen werden. Alle Vorschriften und Verbote
können lediglich Diener dieser beiden sein.“
Srila Prabhupada schreibt in
seinem Kommentar zu diesem Vers: „Es gibt viele regulierende
Prinzipien in den Shastras und Weisungen, welche der spirituelle
Meister vorgibt. Diese regulierenden Prinzipien sollten als Diener
dieser Grundprinzipien fungieren: dass man sich nämlich immer an
Krishna erinnern und Ihn niemals vergessen sollte.“
Ebenso erklärt Lord Krishna Selbst am Ende der Gita im Vers 18.66:
„Gib alle
moralischen/religiösen Pflichten auf und nimm bei Mir allein
Zuflucht. Ich werde dich vor allen sündhaften Reaktionen
beschützen. Hab keine Angst!“
Die Vaishnava-Moralphilosophie
auf diese Weise in Betracht ziehend, wie sie von Krishna Selbst und
Seinen reinen Devotees gelehrt wurde, muss ISKCON ernsthafte Devotees
ermutigen, welche gelegentlich, in gutem Glauben und ohne böse
Absicht, das geringere Übel wählen, um sich selbst auf dem
spirituellen Weg zu festigen. Diese Richtlinie bezieht sich auf
menschliche Sexualität bei gegenseitigem Einvernehmen zwischen
Erwachsenen.
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