Mit sich selbst im Einklang zu sein ist ein wichtiger Schritt auf dem spirituellen Pfad

Ein autobiographischer Ausschnitt aus dem Leben eines Devotees, der es gewagt hat, obwohl er mit einer Frau verheiratet, Vater eines Kindes und etabliertes Mitglied einer Tempelgemeinschaft war, sich als Homosexueller zu outen.


Die Jugend: keine Ahnung, wo die Reise hingeht ...

Mit 16/17 Jahren war ich von beiden Geschlechtern fasziniert. Richtig intensiv hatte ich mich zwar nur in andere Jungs verliebt, aber trotzdem gab es immer wieder (auch erfolgreiche) Versuche, mich an Mädchen anzunähern. Letztenendes ist es jedoch selten und wenn dann nur kurz zu Beziehungen gekommen. Was meine religiöse Seite angeht, so war sie damals schon sehr stark, ich war überzeugter Kirchgänger und Christ, hatte den Konfirmandenunterricht mit Enthusiasmus besucht. Danach jedoch waren mir Zweifel an den christlichen Institutionen gekommen und mit 18 Jahren trat ich aus der Kirche aus.

Über unerfüllte Beziehungswünsche - ich hatte mich mehrmals in Freunde verliebt, die meine Gefühle nicht erwiderten - wurde ich sehr frustriert, was mit Sicherheit ein Grund für eine ausgiebige Lebensphase des Cannabis-Konsums war. Die Wünsche nach Sexualität und Beziehung verdrängte ich im Hinterkämmerchen meines Herzens, nur ab und zu tauchten sie wieder auf.

Die Entdeckung der Spiritualität als Vehikel zu wahrer Freude aber auch als Verdrängungsmechanismus

Nach einer intensiven spirituellen Suche entdeckte ich einige Jahre später Bhakti-Yoga und trat sofort in den Tempel ein, ließ mein unzufriedenes Leben zurück und erlebte tolle Gemeinschaft, spirituelle Wert und einen Yoga-Weg, der tatsächlich funktionierte. Meine homosexuellen Neigungen waren nach Jahren des Verdrängens überhaupt nicht mehr existent, auch das enge Zusammenleben mit Jungs in meinem Alter auf engem Raum lenkte mich nicht besonders ab.

Nach kurzer Zeit im Tempel wurde mir nahegelegt und vorgeschlagen zu heiraten. Ein Mädchen sei auf der Suche nach einem Mann, wir würden doch gut zusammen passen, wir sollten es einfach mal probieren. Ich überlegte nicht lange, auf der einen Seite träumte auch ich von Familie und Kindern, auf der anderen Seite wollte ich die Erwartungen erfüllen.

Schwule Devotees gab es nicht, nirgendwo tauchten sie auf, so als ob Schwule und Lesben lediglich in der "anderen Welt", der unreinen Seite des Seins existierten. Heute weiß ich es besser: es gibt eine Menge davon, sie bevorzugen es nur, sich nicht zu outen oder haben sich frustriert zurückgezogen.

Einige Jahre ging alles gut, aber dann ...

Einige Monate nach der Hochzeit machten meine Frau und ich uns daran, ein Kind zu zeugen. Sex vor der Ehe gab es eh nicht, und nun sollte es ja auch nur sein, um ein Kind zu zeugen. Damit hatte ich kein Problem, denn Sex mit einer Frau entsprach sowieso nicht wirklich meinen sexuellen Wünschen. Während meine Frau glaubte, sie habe einen extrem fortgeschrittenen Mann geheiratet, der auf Zuneigung seitens seiner Partnerin verzichten konnte und darunter litt, dass sie die Zuneigung nicht bekam, die sie gebraucht hätte, um glücklich zu werden, begann meine sexuelle Orientierung nun stärker denn je sich zu definieren und zu festigen, um irgendwann klipp und klar dazustehen und zu verlautbaren: ich bin schwul!

Das Ende einer Karriere

Zu diesem Zeitpunkt war ich schon "etabliert", dass heißt, ich hatte eine der wenigen Stellen innerhalb der Organisation inne, die e Wohnung, Essen und etwas Geld als Gegeneistung für eine an normale Arbeit grenzende Tätigkeit für die Organisation gewährte. Von dieser luxuriösen Position aus wäre der Weg zu einer lebenslangen Beschäftigung innerhalb der spirituellen, weltweiten Gemeinschaft leicht möglich gewesen, inklusive wirklich verantwortungsvoller Führungsaufgaben zu einem späteren Zeitpunkt.

Doch eines Tages wurde mir klar: "Heute werde ich es sagen, meiner Frau, meinem Vorgesetzen und was dann sein wird, das kann ich nicht sagen, auf jeden Fall wird das Leben dann eine krasse Wendung nehmen." Und so war es auch. Für meine Frau brach natürlich eine Welt zusammen, verständlicherweise forderte sie, dass ich sofort ginge und erst in drei Monaten frühestens wiederkommen solle, um mein Kind wieder zu sehen, denn der Kontakt sollte auf keinen Fall abbrechen. Mein Vorgesetzter bedanke sich für meine Ehrlichkeit und den mutigen Schritt - doch unausgesprochen war allen Beteiligten inklusive mir völlig klar: meine Zeit im Tempel und im engen Kreis der spirituellen Gemeinschaft war damit von einem Tag auf den anderen beendet.

Als Homosexueller im Zölibat in einer solchen Gemeinschaft zu leben wäre eventuell noch möglich gewesen, aber mit der festen Absicht, einen Partner zu finden und mit diesem dann innerhalb der Gemeinschaft zu leben, das war selbstverständlich ausgeschlossen. Eine mittlere Führungposition zu bekleiden und gleichzeitig ein schwules Leben zu führen war ohne Zweifel innerhalb dieser Organisation unvereinbar. Dass ich gehen musste und dass ich in gewisser Weise schuld war, das war klar. Nach einer fünfjährigen Phase des Lebens und Arbeitens in dieser internationalen spirituellen Organisation stand ich nun im Grunde vor einem zerbrochenen Scherbenhaufen.

Verständnis und Bekehrungsversuche

Was nun folgte, waren einerseits verständnisvolle Zeichen von Freunden, die zwar nicht genau verstehen konnten, wie jemand tickt, der auf Vertreter des gleichen Geschlechts steht, aber trotzdem ihre volle Unterstützung gewährten und andererseits Menschen, die versuchten, in mein Privatleben einzudringen, mir ihre Ansichten aufdrängen und mich zur Heterosexualität bekehren wollte.

Gleichzeitig brach mein spirituelles Fundament zusammen und musste neu aufgebaut werden. War es wirklich so, dass Homosexualität total dämonisch ist, wie von manchen behauptet? Gibt es Rettung für alle, nur für uns Schwule nicht? Warum dürfen andere Menschen Liebe und Zärtlichkeit erfahren UND Gott dienen, aber wir können nur das eine oder das andere haben? Ein schreckliches Dilemma, aus dem mich nur eines befreien konnte: Wissen.

Und so forschte ich monatelang, las viele Berichte, Dokumente, Lebensläufe und Debatten, um letztendlich erleichtert feststellen zu können: Krishna ist der Freund aller Lebewesen. Und seine Schriften, die vedischen Schriften, beschreiben die Menschen, so wie sie sind. Sie wissen über das komplexe Thema sexueller Orientierung und geben jedem Menschen einen Platz. Krishnas Liebe hängt nicht von irgendwelchen materiellen Umständen ab, sondern ist jedem zugänglich, der sich für Krishnas Liebe öffnet. Und all die  Homophoben, die in Krishnas Namen ihre Vorurteile und Abneigungen zementieren, haben wenig von der Weisheit der Veden begriffen.

Den äußeren Schutz aufgegeben, doch den wichtigen inneren Schritt getan

Heute bin ich glücklich, dass ich diesen wichtigen Schritt gemacht habe. Zwar musste ich das aufgeben, was mir sehr viel bedeutete, was mir auch eine gewisse äußere spirituelle Sicherheit gegeben hatte, doch viel wichtiger wiegt, dass ich nun im Einklang mit mir lebe, meiner Natur entsprechend. Und darüber hinaus habe ich meine eigene Intelligenz angestrengt und habe eine spirituelle Basis erreicht, die nicht abhängig ist von Menschen, die ihre weltlichen Vorstellungen als spirituelle Einsichten verkaufen.